Sperrmüll in der Südstadt
Der Ort: eine ehemalige Bundeshauptstadt.
Die Zeit: ein friedlicher Herbstabend. Der Himmel steht hoch und klar über den Häuserdächern. Alles ist still. Hier und da ein Spaziergänger mit Mantel, Hut und Hund. Die Dämmerung sinkt auf die Straßen herab. Fenster werden hell und freundlich.
Etwas gerät in Bewegung: eine Haustür öffnet sich leise, fast verschämt. Eine Frau kommt heraus. Sie trägt einen Klappstuhl. Sie blickt sich nicht um, tritt an den Straßenrand und stellt den Stuhl dort ab. Rasch kehrt sie ins Haus zurück.
Nach kurzer Zeit kommt sie wieder, diesmal mit einem Karton, der neben dem Stuhl landet. Danach geht es Schlag auf Schlag: ein Nähmaschinentisch, eine eingetretene Lautsprecherbox, ein altes Aquarium mit zersprungenem Glas, zwei Koffer, ein kleines Regal aus dunkelbraunem, fleckigem Holz, ein Karton voller Glas und Blech, eine Matratze und ein Fernseher finden ihren Platz an der Straße. Das Ganze wird mit einem muffig riechenden, zusammengerollten Teppich garniert. Das Leise, Schamhafte ist verschwunden; geschäftig läuft die Frau aus dem Haus und sofort wieder hinein, unbekümmert um Beobachter. Der Himmel überzieht sich mit einem klaren dunklen Blau. Neben dem Haufen herausgeschleppter - ja, was sind sie? Geräte, Möbel, Geschirr, ja, aber was sind sie jetzt, da sie (friedlich vereint in ihrer Überflüssigkeit) am Straßenrand stehen? - daneben jedenfalls flammt die Straßenlaterne hell auf. Die Lautsprecherbox mit ihrem zerfetzten Stoff wird zu einem grotesken, fremdartigen Schattenbild, der Teppich zu einem gewaltigen Wurm, der seinen gummibleichen Bauch nach oben kehrt. Die Frau tritt zurück und betrachtet ihr Werk, dreht sich um und kehrt ins Haus zurück. Die Tür schließt sich hinter ihr, das Licht im Flur geht aus.
Wieder Stille. Am Himmel leuchtet ein einzelner heller Stern. Im trüben Licht der Laterne türmen sich aus ihrer gewohnten Umgebung herausgezerrte, zerbrochene, bekleckerte, vergammelte, modrige... Dinge.
Schweigen liegt über der Stadt. Lichtinseln in der Dunkelheit.
Da huscht etwas aus dem Schatten durchs Licht und ist verschwunden.
Da brummt entfernt ein Motor. Da raschelt etwas, da klappert es, da wird die Straße plötzlich lebendig. Aus allen Richtungen kommen sie, einige wie zufällig vorbeischlendernd, andere mit zielsicheren Schritten und genau taxierendem Blick. Jemand zieht einen leeren Karren über das Pflaster. Jemand fährt sehr langsam auf einem Fahrrad. Ein kleiner Lastwagen bremst plötzlich ab. Die Türen fliegen auf, zwei Männer springen heraus. Ohne Zögern packen sie den Fernseher, zerren ihn aus der Umklammerung von Box und Karton. Der Karton fällt um und schüttet Holzwolle auf den Bürgersteig. Die Männer hieven sich den Fernseher auf die Schultern, laden ihn im Lastwagen ab, knallen Türen zu. Der Wagen fährt an und verschwindet.
Ein Mann leuchtet mit einer Taschenlampe, tritt gegen den Klappstuhl und geht weiter. Ein Halbwüchsiger schlitzt im Vorbeigehen die Matratze auf. Zwei Frauen mit Kindern nähern sich von verschiedenen Seiten, greifen gleichzeitig nach dem Nähmaschinentisch und beginnen in einer fremden Sprache aufeinander einzureden, während die Kinder die Matratze umwerfen und darauf herumspringen. Der Streit bricht ab, als die Frauen entdecken, daß die Tischplatte von einem breiten Riß durchzogen ist. Jede befiehlt ihre Kinder zu sich und verschwindet im Dunkeln.
Jemand sagt: "Ich habe letztens eine komplette Stereoanlage gefunden und nach Hause geschleppt. Der Plattenspieler und eine der beiden Boxen waren völlig hinüber, aber das Radio lief gut, nachdem ich ein neues Kabel drangemacht habe - also, ich kriege jetzt immerhin Radio Moskau, aber sonst nichts."
Jemand sagt: "Ich habe ein mottenzerfressenes Bärenfell gefunden. Beim nächsten Sperrmüll in meiner Straße kommt es wieder raus."
Jemand sagt: "Meine ganze Wohnung habe ich mir zusammengesucht. Wenn man alles weiß streicht, sieht es ganz gut aus. Ich spare jetzt auf die Farbe."
Jemand sagt: "Ich guck nur so. Ich hab alles, was ich brauche." Das ist der Mann, der einen meterhoch beladenen, gefährlich schwankenden Handkarren hinter sich herzieht.
Jemand sagt: "Guck dir diesen ekelhaften alten Teppich an! Wer wohnt denn mit so was?"
Jemand sagt: "Ich habe vor zwei Jahren einen wunderschönen Kaffeehausstuhl gefunden und suche jetzt nach dem Gegenstück." Sie hebt den Klappstuhl hoch, klappt ihn auf und wieder zu und lehnt ihn gegen den Zaun.
Ein Mann greift nach dem Aquarium und sagt ins Leere: "Mit einer neuen Glasscheibe..."
"Mit einer neuen Platte...", sagt eine Frau und trägt den Nähmaschinentisch fort.
Jemand nimmt einen Koffer mit, bleibt einige Schritte entfernt nachdenklich stehen und wirft den Koffer auf den Bürgersteig.
Krachen, Klirren, Scheppern... nicht nur hier: das ganze Viertel ist lebendig, lacht und schimpft, unzählige Autos schleichen durch die Straßen, viel mehr als sonst, auf Schatzsuche in der Stadt. Jemand sagt: "Eigentlich ist das jetzt strafbar" und nimmt den Koffer mit, den ein anderer nicht wollte.
Es wird spät. Der Strom ebbt ab. Ein Motorengeräusch erstirbt. Die Straße liegt leer. Im Licht der Straßenlaterne das, was jetzt wirklich definitiv unbrauchbarer Schrott ist: ein zerbrochener Klappstuhl, ein zertretener Karton, Papierfetzen und Glasscherben, die Innereien einer Matratze und eine zweifach eingetretene Lautsprecherbox. Die Jagd ist vorbei.
Ich, zum Beispiel, habe ein erstklassiges Regal gefunden. Mit ein paar festen Schrauben, einer neuen Einlage und neuen Seitenwänden wird es toll aussehen, und angestrichen werden muß es auch noch. Und wenn ich doch keine Zeit dazu habe, kommt es eben wieder raus.
2. Februar 1990
(c) Astrid Vollenbruch