Protzmuskel und die sieben Nymphen

  In einer kleinen Stadt lebte einst ein Jüngling, der war so stark, daß ihn alle Welt nur Protzmuskel rief. Haare hatte er wie Sandpapier, Augen von der Farbe junger Veilchen, seine Nase glich einer verbogenen Rübe, und vor lauter Kraft konnte er kaum gerade stehen. Er hatte Schultern wie ein Bär, ein Becken wie eine Katze, und mit dem kleinen Finger konnte er zehn gestandene Männer umwerfen. Dabei war er aber so liebreizend und sanftmütig, daß es einen verwundern mochte, denn nie trat er seine Gegner in die Eingeweide, nachdem er sie k.o. geschlagen hatte.
    Eines Tages trat nun Protzmuskel vor seinen Vater, der Schneider war, und sprach zu ihm: "Laß mich in die Welt hinausziehen und dort mein Glück bei einem Boxweltmeister suchen, denn es gibt in unserer kleinen Stadt nicht einen Mann oder Jüngling, den ich nicht schon krankenhausreif geschlagen habe, und sie beginnen mich zu meiden. Dies schmerzt mich. Laß mich also gehen!"
    Da legte der Schneider Nadel, Faden und Tuch zur Seite, kletterte auf seinen Schemel, küßte Protzmuskel auf den sandpapierfarbenen Scheitel und sagte: "Geh, mein inniggeliebter Sohn, und möge Schmeling immer mit dir sein!"
    So nahm also Protzmuskel Abschied von seinem Vater und der kleinen Stadt und zog in die weite Welt hinaus, und nach einer langen Reise fand er endlich einen Boxweltmeister, der ihn in seine Schule aufnahm und ihn alle seine Künste lehrte - bis auf einige, die er eifersüchtig vor ihm verbarg, denn der Boxweltmeister hatte ein schwarzes und böses Herz und sann alleweil darauf, wie er es verhindern könnte, daß ihm jemand seinen Titel abnahm. Da nun aber Protzmuskel immer stärker und stärker wurde und die Muskeln auf seinem Körper erblühten wie Blumen auf einer Sommerwiese, faßte der Boxweltmeister eine Abneigung gegen ihn und sann, wie er ihn loswerden konnte.
    Er hatte aber einen Freund, der ihm innig ergeben war, denn der Boxweltmeister hatte ihm einst durch einen gezielten Faustschlag gegen den Kopf seines Vaters zu einem stattlichen Erbe verholfen, und dieser Freund war in vielen Jagdsportvereinen organisiert und war auch ein gar trefflicher Pistolenschütze. Zu diesem Freund begab sich der böse Boxweltmeister und sprach zu ihm: "Höre, mein Freund, die Zeit ist gekommen, da du mir deine Treue und Dankbarkeit beweisen und deine Schuld abtragen kannst. Sicher hast du schon gehört, daß Protzmuskel, mein Schüler, von Tag zu Tag stärker wird, und eines Tages wird er mich vielleicht übertreffen. Geh also mit Protzmuskel in den Wald, führe ihn tief, tief hinein und erschieße ihn, und wenn du mir dann als Beweis eine Strähne seiner Haare bringst, soll es dein Schaden nicht sein."
    Da nickte der Schütze und versprach, sein Bestes zu tun. Und so zogen am nächsten Tag Protzmuskel und der Sportschütze in den tiefen, dunklen Wald, und während Protzmuskel glücklich hierhin und dorthin eilte, den Bäumen Fausthiebe und Uppercuts verpaßte und nach gefährlichen Riesen ausschaute, schritt hinter ihm der Schütze mit Mord im Herzen und stopfte Kugeln und Pulver in den Lauf seiner Pistole. Und als Protzmuskel an der tiefsten Stelle des Waldes innehielt, weil er keine Riesen entdecken konnte, und sich umwandte, sah er den Schützen, der mit der Pistole genau auf sein Sportlerherz zielte und mit Donnerstimme sagte: "Rühr dich nicht, oder ich schieße daneben!"
    Und Protzmuskel starrte auf die Pistole und sagte: "Scheiße." Dann richtete er den geschwollenen Blick seiner Veilchenaugen auf den Schützen und fragte ihn: "Sag mir, warum willst du mich erschießen? Ich habe dir nie etwas getan und bin nie gegen dich angetreten, und trotzdem willst du mich töten?"
    "Du hast mir zwar nichts getan", entgegnete der Schütze, "aber ich bin ein Freund des Boxweltmeisters und schulde ihm einen Gefallen, und er bat mich, dich zu erschießen; es solle mein Schaden nicht sein."
    "Warum aber", fragte Protzmuskel, "will der Boxweltmeister, daß ich sterbe?"
    Da antwortete der Schütze: "Er will, daß du aus dem Weg geräumt wirst, damit du ihm den Weltmeisterschaftstitel nicht abnehmen kannst. Hast du schon einmal an seinem Sandsack trainiert, Protzmuskel?"
    "Nein", sagte Protzmuskel.
    "Hättest du auch gar nicht tun können", triumphierte der Schütze, "denn er läßt niemanden an diesen Sandsack heran. Tagtäglich, gleich nach dem Aufstehen, rennt er zu ihm, drischt auf ihn ein und schreit: Ich bin der Stärkste im Land, verdammt nochmal! Und der Sandsack antwortet unter allerlei Ächzen und Stöhnen: Du - uff - bist vielleicht der Stärkste hier, aber Protzmuskel - ächz - drüben im Turnsaal ist noch tausendmal stärker als du! Und so hat er einen großen Zorn auf dich und hat mir befohlen, dich zu töten. Und zum Beweis soll ich ihm eine Strähne deiner Haare mitbringen, und dann werde ich reich belohnt werden."
    "Soso", sagte Protzmuskel. "Und wenn ich dich nun bitte, mich nicht zu erschießen? Wir könnten versuchen, die Sache in einem kleinen Boxkampf zu klären."
    "Nein", sagte der Schütze, "das wäre unfair, denn ich bin Fliegengewicht und du Schwergewichtsklasse, also können wir niemals gegeneinander antreten."
    Da sann Protzmuskel, wie er sich retten könne, und sagte: "Wenn ich dich aber nun besteche und dir die Nummer meines geheimen Nummernkontos in der Schweiz verrate, und wenn ich fliehe - von mir aus noch tiefer in diesen Wald hinein -, und wenn ich dir eine Haarsträhne gebe, die du dem Boxweltmeister als Zeichen bringen könntest, daß du mich erschossen hast, dann bräuchtest du mich doch eigentlich gar nicht zu erschießen, oder?"
    "Nein", sagte der Schütze, und ein gieriges Funkeln trat in seine Augen, "das brauche ich dann eigentlich nicht. Wie ist denn die Nummer?"
    Da streckte Protzmuskel die Hand aus und nahm die Pistole an sich, und als er das getan hatte, beugte er sich vor und flüsterte die Nummer in das Ohr des Pistolenschützen. Und da keiner von ihnen eine Schere bei sich trug, faßte er alsbald eine Strähne seines Haares, hielt die Mündung der Pistole daran und drückte ab, und dann gab er dem Schützen die Strähne und die Pistole, und dann drehte er sich um und lief in den tiefen Wald.
    Der Boxweltmeister aber, als er von ferne den Schuß vernahm, hielt beim Boxen inne, und ein glückliches Lächeln trat in sein Gesicht, und er sprach zu sich: "Nun hat es Protzmuskel erwischt, und ich bin wieder der Stärkste im ganzen Land und brauche nicht mehr um meinen Titel zu fürchten."
    Als dann der Schütze aus dem Wald zurückkehrte und dem Boxweltmeister die Strähne überreichte, drückte ihn dieser an sich, herzte und küßte ihn und beschenkte ihn reichlich. Daraufhin nahm der Schütze ein Flugzeug in die Schweiz, hob alles Geld von Protzmuskels Nummernkonto ab und führte fortan ein glückliches und zufriedenes Leben.

    So war Protzmuskel also dem Tode entronnen, aber er irrte durch den tiefen, dunklen Wald und wußte nicht, wohin er sich wenden sollte, denn er kannte keinen anderen Boxmeister, bei dem er noch hätte lernen können. Nach langem Umherirren fügte es sich indes, daß er sieben Sümpfe durchquerte, und hinter den sieben Sümpfen entdeckte er ein kleines Haus, welches ganz verlassen zu sein schien, und die Tür war nicht verschlossen. Da beugte Protzmuskel seinen starken Nacken und duckte sich unter dem Türbalken hindurch und fand sich in einer gar lieblich anzuschauenden Wohnung. Da stand ein Tisch, auf dem waren sieben Teller gedeckt, und sieben Becher standen daneben, und sieben Nachtischschälchen standen auf der anderen Seite, und neben jedem Teller lagen Messer und Gabeln und kleine Dessertlöffel - je sieben an der Zahl. Und gar köstlich aussehende  Speisen harrten der Bewohner des Häuschens, die da kommen sollten - oder sie harrten Protzmuskelns, der sich ohne langes Nachdenken hinsetzte und alles aß und alles trank, was da aufgetragen war. Dann durchschritt er das Häuschen und gelangte in ein Schlafzimmer, in den standen sieben Betten und sieben Toilettentische, auf denen je sieben Lippenstifte in sieben Farben lagen. Protzmuskel aber hatte noch nie einen Lippenstift gesehen, und es dünkte ihn, daß diese herrlich duftenden, cremigweichen Gebilde gerade der richtige Nachtisch für ihn seien, und also aß er einen davon. Darob wurde ihm aber so schlecht, daß er ins Badezimmer stürzte und sich in eine der sieben Toiletten übergab. Hernach war er so müde, daß er ins Schlafzimmer zurückkehrte, die sieben Betten zusammenschob und sich daraufwarf, und sie brachen zusammen, aber er war schon eingeschlafen.
    Das Häuschen gehörte aber sieben Nymphen, die in den benachbarten Sümpfen als Fremdenführerinnen hart arbeiteten und des Abends erschöpft heimkehrten. Als sie nun ihr Haus betraten, sahen sie sich Bergen von gestapeltem und durcheinandergeworfenem Geschirr gegenüber, und sie eilten hierhin und dorthin in großer Bestürzung, und die erste rief: "Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?"
    Und die zweite rief: "Wer hat aus meinem Becherchen getrunken?"
    Und die dritte rief: "Wer hat meine Messer und Gabeln verbogen?"
    Und die vierte rief: "Wer hat sich die Nase an meinem Tischtuch geputzt?"
    Und die fünfte rief: "Wer hat meinen lilafarbenen Lippenstift gegessen?"
    Und die sechste rief: "Wer hat die Schweinerei im Badezimmer veranstaltet?"
    Und die siebte rief: "Und wer liegt da vollgekleckert und nach Wein stinkend auf unseren zusammengebrochenen Betten und schnarcht wie ein ganzes Sägewerk?"
    Und sie eilten alle herbei und bestaunten Protzmuskel, und wiewohl sie sehr erzürnt über das Chaos waren, das er hinterlassen hatte, bewunderten sie doch seine kraftstrotzende Gestalt, die da auf den Betten lag und mit lautem Schnarchen das Haus erbeben machte.
    Und schließlich beugte sich die Älteste vor und weckte Protzmuskel auf, indem sie ihm die Nase zuhielt.
    Protzmuskel schlug die Augen auf und sah sieben liebliche Gesichter, die über ihm schwebten, und eine Hand, die einen angebissenen Lippenstift hielt. Eine liebliche Stimme fragte: "Hast du meinen Lippenstift gegessen?"
    Und Protzmuskel erwiderte: "Nein, das habe ich nicht, denn wiewohl er wunderbar süß duftete, hat er doch widerwärtig geschmeckt, so daß ich ihn gleich wieder ausgekotzt habe."
    "O du Barbar", rief die liebliche Stimme, "du hast in unserem Haus eine furchtbare Unordnung angerichtet. Wer bist du, woher kommst du, und warum bist du nicht dort geblieben?"
    Protzmuskel setzte sich auf und ließ seine Muskeln spielen, aber die Nymphen taten, als wären sie überhaupt nicht beeindruckt, und so entschloß er sich, ihnen zu erzählen, was sie wissen wollten. "Ich bin Protzmuskel", sprach er, "und der Boxweltmeister, bei dem ich in die Lehre gegangen bin, wollte mich töten, damit ich ihm den Weltmeisterschaftstitel nicht abnehmen kann, und so bin ich in den Wald geraten. Natürlich bin ich nicht geflohen, sondern wollte nur mein Glück anderswo versuchen."
    "Natürlich", sprach die älteste Nymphe, "wir verstehen dich vollkommen. Und da du groß und stark bist, magst du bei uns bleiben, bis du den Schaden, den du angerichtet hast, abgearbeitet hast. Du kannst waschen, kochen, putzen und den Garten umgraben, während wir arbeiten gehen. Fang am besten sofort an und bring die Betten, die du kaputtgemacht hast, wieder in Ordnung."
    Protzmuskel erhob sich, dankte den Nymphen für ihre Freundlichkeit und holte sofort Hammer und Nägel und ging an die Arbeit. Und bis spät in die Nacht klopfte er und sägte, hämmerte, wusch das Geschirr ab und kochte das Essen für den nächsten Tag, daß es eine Freude war, und lange, ehe er fertig war, waren die Nymphen eingeschlafen.

    Am nächsten Tag gingen die Nymphen zur Arbeit, und die Älteste sagte zu Protzmuskel: "Heute kannst du mit dem Garten anfangen und Tulpenzwiebeln setzen. Und rede mit niemandem, der vorbeikommt! Dieser Boxweltmeister wird vielleicht herausfinden, daß du noch lebst, und er scheint ein wirklich hinterlistiger und garstiger Bursche zu sein. Also, paß auf! Es könnte sein, daß wir dich noch für andere Dinge brauchen!"
    Protzmuskel nickte und ließ seine Muskeln spielen und sagte, daß er sich recht gut verteidigen könne, aber die Nymphen sagten: "Du Narr, es gibt noch andere Waffen als Muskeln!" und gingen fort. Protzmuskel aber ging ins Haus, wusch das Frühstücksgeschirr ab und holte sich hernach einen Spaten, um mit der Gartenarbeit anzufangen.
    Unterdessen aber war der Boxweltmeister in seine Trainingshalle geschritten und begann, auf den Sandsack einzudreschen, und rief: "Jetzt bin ich wieder der Stärkste im ganzen Land, gibst du das zu, du Sack?"
    Und der Sandsack antwortete: "Du - uff - bist vielleicht der Stärkste hier, aber Protzmuskel - aua - hinter den sieben Sümpfen - ächz - bei den sieben Nymphen ist noch tausendmal stärker als du!"
    Da begann der Boxweltmeister vor Wut zu toben und versetzte sich selbst einen solchen Kinnhaken, daß er besinnungslos niedersank. Als er aber wieder zu sich kam, sann er lange nach, wie das hatte geschehen können, und er sprach zu sich: "Mein Freund hat mich offenbar verraten. Na, dem verhelfe ich nicht noch einmal zu einem reichen Erbe! Aber er ist in die Schweiz geflogen und kommt bestimmt nicht zurück, und ich komme vorläufig nicht an ihn heran. Aber Protzmuskel, an den komme ich heran! Ich will ihn mit eigener Hand vernichten und mich nicht mehr auf zweifelhafte Freunde verlassen!" Und er sann und sann, wie er das bewerkstelligen könne. "Ich will", sprach er zu sich selbst, "Protzmuskel bei seiner Eitelkeit packen. Ich werde mich als schöner Jüngling verkleiden und ihn zum Wettrennen herausfordern, und dann wende ich einen jener Tricks an, die ich ihm wohlweislich nicht verraten habe. Und dann bin ich wieder der Stärkste im ganzen Land!"
    So verkleidete er sich, und am Nachmittag gewahrte Protzmuskel, der im Garten des Häuschens Tulpenzwiebeln setzte, einen schönen, starken Jüngling, der geradewegs auf ihn zuschritt und sprach: "Heda, mein Freund! Du siehst so stark aus, aber gewiß bist du nicht stärker oder schneller als ich. Laß uns um die Wette rennen, damit wir sehen, wer besser ist!"
    "Täte ich ja gern", sagte Protzmuskel, "aber ich habe eine Schuld abzuarbeiten und bin hier noch lange nicht fertig."
    "Es dauert bestimmt nicht lange", sagte der Jüngling. "Du siehst so phantastisch stark aus, du bist doch bestimmt schnell wie der Blitz."
    "Bin ich auch", antwortete Protzmuskel und bog den Arm, daß das Hemd unter der Kraft seiner Muskeln zerriß, "aber leider habe ich jetzt gar keine Zeit."
        "Ah", sagte der Jüngling, "dann muß ich wohl annehmen, daß du fürchtest, mir unterlegen zu sein? Vielleicht hast du diese Muskeln mit Hilfe von Tabletten aufgebaut und bist überhaupt nicht stark und schnell? Na, ich sehe ja schon, welche Mühe es dir bereitet, den Spaten zu heben. Tut mir leid, dich überschätzt zu haben. Leb wohl!"
    "Moment mal", sagte Protzmuskel eilig und schmiß den Spaten beiseite. "Hier ist überhaupt nichts mit Tabletten aufgebaut, und das werde ich dir beweisen! Wo sollen wir laufen?"
    "Siehst du, ich wußte doch, daß du ein echter Mann bist", sagte der Jüngling lächelnd. "Ich habe mir gedacht, wir rennen hier so zweihundertmal ums Haus. Was meinst du?"
    "Na sicher, klar, das geht", sagte Protzmuskel, und so stellten sie sich nebeneinander auf und zählten bis drei und rannten los, und nach vierzig Runden lag Protzmuskel schon eine Runde vor dem fremden Jüngling und freute sich über seine Schnelligkeit. Bei der sechsundachtzigsten Runde jedoch (und der Jüngling hatte erst dreiundachtzig) nutzte der Jüngling geschickt einen Augenblick aus, in dem Protzmuskel ihn nicht sehen konnte, holte eine Wasserflasche aus seinem Gürtel und streute ein Pulver hinein. Alsdann schüttelte er die Flasche, und als Protzmuskel bei der nächsten Runde schnaubend an ihm vorüberzog, hielt er ihm die Flasche hin und keuchte: "Hier! Eine Erfrischung! Ich habe auch schon davon getrunken!" Und Protzmuskel nahm die Flasche an, setzte sie an den Mund und hatte gerade einen Schluck getrunken, als er über den Spaten stolperte und der Länge nach hinflog und sich nicht mehr rührte.
    Da hielt der verkleidete Boxweltmeister an, betrachtete Protzmuskel und rief: "Ich hatte nicht erwartet, daß es so schnell wirken würde, aber ha! Jetzt bin ich wieder der Stärkste!" Und so schnell er konnte, eilte er in den Wald.

    Am Abend aber kehrten die sieben Nymphen von ihrer Arbeit heim und fanden Protzmuskel auf dem Boden liegend und rund um das Haus eine getrampelte Spur. Da dachten sie, er sei tot, und huben an zu klagen und zu jammern, aber die Jüngste näherte sich Protzmuskel und zog sein Augenlid in die Höhe und schüttelte ihn, und alsbald schlug er die Augen auf und fragte: "Habe ich gewonnen?"
    Und die Nymphe sprach: "Ich weiß nicht, wovon du redest, aber erstens bist du mit deiner Arbeit nicht fertig, und zweitens hast du dagelegen wie tot. Was ist passiert?"
    Da erzählte Protzmuskel von dem fremden Jüngling und dem Wettrennen, und die drittälteste Nymphe fand die Flasche, die im Gras lag, schnupperte an der Öffnung und sprach: "Du hast Glück gehabt, Protzmuskel, daß du gestolpert bist, denn diese Flasche enthält ein so starkes Dopingmittel, daß es dir die Brust zerrissen hätte und du gestorben wärst, wenn du sie ausgetrunken hättest. So aber bist du nur ohnmächtig geworden."
    Und die zweitälteste Nymphe rief: "Bestimmt war dieser fremde Jüngling der Boxweltmeister, der dich töten will, Protzmuskel, du Dummkopf! Hatten wir dir nicht gesagt, daß du aufpassen solltest, während wir weg sind?"
    Und Protzmuskel nickte kleinlaut und versprach, am nächsten Tag besser achtzugeben und sich auf keine Herausforderung einzulassen, und so verging der Abend unter allerlei Scherzen in friedvoller Harmonie.

    Der Boxweltmeister kehrte indes nach Hause zurück und rannte sogleich in die Trainingshalle, wo er den Sandsack bearbeitete und rief: "So, jetzt habe ich Protzmuskel eigenhändig den Garaus gemacht! Gibst du jetzt zu, daß ich der Stärkste bin?" Der Sandsack jedoch antwortete: "Ganz im Gegenteil, du Schuft! Du bist zwar - autsch! - der Stärkste hier, aber Protzmuskel hinter den sieben Sümpfen bei den sieben Nymphen ist noch tausendmal stärker als du!"
    "Was?" schrie der Boxweltmeister außer sich vor Wut, und dann sann und sann er die ganze Nacht hindurch, wie er Protzmuskel endgültig vernichten konnte. "Ich will", sprach er zu sich, "ihn erneut bei seiner Eitelkeit packen, denn er geht sofort auf eine Herausforderung ein, wenn man seine Stärke anzweifelt. Doch ich muß geschickt zu Werke gehen, denn gewiß haben ihn die Nymphen gewarnt, und wenn auch sein Verstand bei weitem nicht so überragend ist wie seine Kraft, mag er doch mißtrauisch geworden sein. Ich werde also diesmal nicht auf seine Schnelligkeit, sondern auf seine gewaltige Sprungkraft zielen und mich als Känguruh verkleiden." Sprach's und hüpfte alsbald in den Wald.
    Protzmuskel aber, nachdem sich die Nymphen unter allerlei Ermahnungen und Liebkosungen von ihm verabschiedet hatten, begab sich am Morgen wiederum in den Garten, um seine unterbrochene Arbeit fortzusetzen, und über kurzem gewahrte er ein Känguruh, das sich ihm unter possierlichen Hüpfern vom Wald her näherte, und darob belustigte er sich so sehr, daß er lauthals lachte. Darob aber ergrimmte das Känguruh und sprach zu ihm: "Du närrischer Mensch, entblödest du dich nicht, über mich zu lachen? Ich bin ein höchlichst weitgereistes Tier und verfüge über die erstaunlichsten Erfahrungen. Enthebe dich daher augenblicklich deines Gelächters, denn du wirst dich mit mir in keiner Weise messen können."
    Darauf entgegnete Protzmuskel: "Ich glaube dir, daß du weit herumgekommen bist, aber du mußt wissen, daß ich Protzmuskel bin, ein überaus starker Mann, und wenn du mir das nicht glaubst, will ich es dir gerne beweisen, sobald ich mit diesem Garten fertig bin."
    "Warum nicht jetzt gleich?" fragte das Känguruh.
    "Weil die Nymphen mir aufgetragen haben, daß ich heute mit dem Garten fertig werden soll, und weil ich bei ihnen in Schuld stehe", sagte Protzmuskel.
    Da sagte das Känguruh: "Ah, du bist also ein Mann, der unter dem Pantoffel steht! Na, das ist deine Sache, aber ich habe es eilig und mag mich nicht lange aufhalten, und ich merke schon, daß du dich nur drücken willst. Das ist so das Rechte bei euch Männern; ihr prahlt und protzt mit euren Talenten, aber den Beweis bleibt ihr schuldig und versteckt euch hinter euren Frauen. Nun gut, mir kann es ja gleich sein, aber sei versichert, daß ich all meinen Freunden, den Känguruhs, von dir erzählen werde, sobald ich nach Australien heimgekehrt bin. Leb wohl!"
    "Warte mal", sagte Protzmuskel und warf die Tulpenzwiebeln beiseite, "ich habe nichts dagegen, daß du ihnen von mir erzählst, aber du sollst ihnen nichts Falsches erzählen. Wie soll ich dir meine überragende Kraft beweisen?"
    "Das ist ganz einfach", sagte das Känguruh, "ich denke mir, wir springen zum Aufwärmen erst einmal über dieses Haus. Das ist eine meiner leichteren Übungen, also gestatte ich dir, vorher ein paarmal zu üben, bevor wir gleichzeitig springen. Du darfst vierzig Schritte Anlauf nehmen."
    "Gut", sagte Protzmuskel, nahm sogleich vierzig Schritte Anlauf und sprang über das Haus. Doch das Känguruh, das der verkleidete Boxweltmeister war, hatte zuvor auf der anderen Seite des Hauses ein tiefes Loch gegraben und die Wände mit Anabolika bespritzt, und so sprang Protzmuskel mit einem Riesensatz über das Haus und landete mit Donnergepolter in dem Loch, wo er sogleich wie tot darniedersank. Das Känguruh aber hüpfte an den Rand der Grube, blickte hinab auf Protzmuskel und sagte: "Jetzt bin ich wieder der Stärkste auf der ganzen Welt!" Und sprang zurück in den Wald.

    Am Abend aber kamen die Nymphen nach Hause, entdeckten das Loch und zogen Protzmuskel mit vereinten Kräften heraus, und alsbald schlug er die Augen auf und fragte: "Wo ist das Känguruh?" Da waren sie so froh, daß er wieder am Leben war, daß sie ihn herzten und küßten und eine höchst vergnügte Nacht mit ihm verbrachten, und als sie ihn am Morgen wieder verließen, waren sie alle sehr müde und hatten Ringe unter den Augen und ermahnten ihn gar flehentlich, sich mit keinem Fremden einzulassen, und Protzmuskel, der sich ein wenig zerschlagen fühlte, versprach alles und ging steifbeinig an die Arbeit.
    Der Boxweltmeister hatte inzwischen von seinem Sandsack erfahren, daß Protzmuskel nicht nur schändlicherweise noch am Leben war, sondern auch noch ein höchst liederliches Leben führte, und sann alsbald auf furchtbare Rache. "Nun will ich", sprach er, "ihn auf meinem eigenen Gebiet schlagen, denn immerhin bin ich Boxweltmeister. Ich muß aber mit besonderer List vorgehen, denn er wird jetzt auch gegen Känguruhs äußerst mißtrauisch geworden sein. So will ich mich als Bär verkleiden und ihn zu einem Boxkampf herausfordern, und ich werde ihm die Boxhandschuhe geben, in denen ein vergifteter Dorn steckt, und dann ist es aus mit ihm! K.o. in der vierten Runde! Ha!" Und er verkleidete sich und lief in den Wald, und über kurzem gewahrte Protzmuskel einen großen Bären, der sich ihm unter bedrohlichem Gebrumm näherte und ihm ein Paar Boxhandschuhe vor die Füße schleuderte, und da er schrecklich gern mal wieder boxen wollte, vergaß er seine Arbeit und die Ermahnungen der Nymphen, streifte die Boxhandschuhe über und sank sogleich tot zu Boden.

    Der Bär aber lachte dröhnend und eilte in den Wald, um sich zu Hause von seinem Sandsack bestätigen zu lassen, daß er jetzt wirklich der Stärkste auf der ganzen Welt war - da entdeckte ihn ein Jäger, hielt ihn für einen echten Bären und schoß ihn tot, und das war das Ende des bösen Boxweltmeisters. Aber auch Protzmuskel war tot, und als die Nymphen am Abend heimkehrten und ihn fanden, half kein Küssen und kein Schütteln, und er blieb tot, und sie fanden nicht heraus, wie er gestorben war. Und da sie wußten, wie sehr er den Boxsport geliebt hatte, ließen sie die Boxhandschuhe an seinen Händen und legten ihn in einen gläsernen Sarg und weinten sieben Monate lang um ihn, und er blieb muskelbewehrt und eindrucksvoll, wie er gewesen war. Obwohl ihn die Nymphen aber eifersüchtig bewachten, sprach sich die Geschichte herum, und nach und nach kamen viele Menschen, um ihn zu bestaunen, und schließlich gaben sie ihre Arbeit als Fremdenführerinnen auf, gründeten ein Protzmuskel-Museum, in dem sie den Sarg ausstellten, und verdienten massenhaft Geld an ihm.

    In jenen Tagen lebte auch eine Prinzessin, die selbst schrecklich gern boxte und ihrem Vater das Leben schwermachte, weil niemand mehr gegen sie antreten wollte. Diese Prinzessin hörte nun von Protzmuskel, und sogleich rief sie aus: "Ach, hätte ich ihn doch gekannt, als er noch lebte! Wie herrlich hätten wir uns gegenseitig die Nasen krumm schlagen können!" Und sie sattelte sogleich ihr Pferd und ritt zu dem Haus der Nymphen, das gut ausgeschildert war, und hinter dem Haus war jetzt ein Parkplatz, wo sie ihr Pferd parkte und eine unmäßig hohe Gebühr dafür bezahlte, aber das machte ihr gar nichts aus. Und so kam sie zu Protzmuskels gläsernem Sarg, und als sie ihn dort liegen sah, mit den Boxhandschuhen noch an den Händen, verliebte sie sich sogleich in ihn und flehte die Nymphen an, ihn ihr zu überlassen. Aber die Nymphen sagten: "Nein, wir geben ihn dir nicht, denn erstens sind wir allesamt schwanger, wie du siehst, und brauchen das Geld, und zweitens ist er tot, und du kannst sowieso nichts mit ihm anfangen. Nein, du bekommst ihn nicht!"
    Aber die Prinzessin bot ihnen Gold und Geschmeide an und bat sie so inständig, daß sie schließlich einwilligten und ihn ihr überließen. So lud sie den Sarg auf ihr Pferd und führte das Pferd durch den Garten, um nach Hause zurückzukehren. Aber da stolperte das Pferd über den Spaten, der seit sieben Monaten dort vor sich hinrostete, und der Sarg kippte hinunter und zersprang in tausend Stücke. Und von dem Ruck rutschten die vergifteten Boxhandschuhe von Protzmuskels Händen, und alsbald erwachte er und schlug die Augen auf und fragte: "Wo ist der Bär?"
    Und die Prinzessin antwortete: "O mein Geliebter, ich weiß nichts von einem Bären, aber wie froh bin ich, daß du lebst! Ich habe dich den Nymphen abgekauft, und du brauchst keine Alimente zu zahlen, und jetzt gehörst du mir, und wir können boxen, bis wir umfallen."
    Da sagte Protzmuskel: "Hm, die Nymphen waren aber viel hübscher als du."
    Da versetzte ihm die Prinzessin einen schwungvollen Kinnhaken, und als er wieder zu sich gekommen war, stiegen sie gemeinsam auf das Pferd und ritten zum Schloß des Königs und heirateten auf der Stelle und lebten glücklich und zufrieden; und wenn sie nicht gestorben sind, boxen sie noch heute.


Ende

1986

(c) Astrid Vollenbruch