Die perfekte Frau

Ich war zu dick.
Ja, wirklich. Jetzt kann ich es ja zugeben.
Ich war nicht nur dick, ich war fett. Titten wie Euter. Atemnot, Speckrollen und kaputte Knie, das ganze Programm. Auf die Straße ging ich schon gar nicht mehr, ich setzte mich keinen Blicken und Sprüchen aus. Ich blieb zu Hause. Las. Sah fern. Aß Dinge. Masturbierte unter der Dusche, ohne Gefühl und ohne den geringsten Spaß an der Sache. Es war eben etwas, das manchmal getan werden mußte.
Dabei war ich eigentlich schön.
Dieser fette, wabbelige, schwitzende, unbeholfene Körper, das war nicht ich. Ich steckte da irgendwo unter den wogenden Schichten, verborgen wie eine Perle in der schleimigen Umhüllung der Auster. Und ich war schön. Die perfekte Frau.
Renate, meine beste Freundin, schob mir ein Diätprogramm zu. Ich befolgte es und kaufte nebenher Schokolade, fetten Käse, Wurst und Chips. Ich nahm noch einmal zwanzig Kilo zu. Ich japste nicht mehr nur beim Treppensteigen, sondern schon beim Aufstehen von meinem Stuhl. Aber es kümmerte mich nicht. Dieser Körper hatte nichts mit mir zu tun. Irgendwo innendrin schwebte eine zarte Elfe, verborgen in der Dunkelheit.
Ich hörte auf, fernzusehen. All diese Models. Jede Hausfrau auf Sex gestylt. Ich steckte mir einen gelben Stern an die Brust, auf dem stand: FETT. Ich trug ihn drei Tage lang, bis Renate mir vorwarf, widerlich und geschmacklos zu sein. Ich warf ihr vor, mich nicht zu verstehen.
Wir mieden uns eine Weile.
Dann rief sie wieder an.
„Es gibt da eine Methode zum Abnehmen. Hilft garantiert. Keine Diät, nichts. Du kriegst nur ein paar Spritzen, die das Fett reduzieren. Essen kannst du wie vorher."
Ich ging zum Arzt und ließ mir die Spritzen verabreichen.
Nach drei Wochen war das Fett weg. Die Haut hing in großen Säcken um mich herum. Ich zählte meine neuen Brüste und kam auf sieben.
„So geht das nicht", sagte Renate. „Du mußt Sport treiben."
„Kommt nicht in Frage", sagte ich. „So gehe ich nicht aus dem Haus."
Ich ließ die Säcke wegschneiden. Die Brüste, die noch übrigblieben, ließ ich gleich verkleinern. Praktisch, alles in einem Aufwasch.
Als ich aufwachte, war ich ein neuer Mensch. Eine neue Frau. Perfekt.
Elfengleich schwebte ich aus dem Krankenhaus. Drei Meter vor dem Taxistand brüllte mir ein Jugendlicher ALTE FETTE SAU nach.
Ich ging zu einem anderen Arzt.
„Ich bin es leid", sagte ich. „Ich möchte diesen Körper zurückgeben, er taugt nichts. Haben Sie etwas Elfenhaftes in Reserve?"
„Leider nein", sagte er. „Aber ich habe hier ein Präparat, das ich an den richtigen Stellen unter die Haut spritzen kann. Damit sehen Sie zwanzig Jahre jünger aus, haben volle Lippen, hohe Wangen, eine schmale Nase, ein aristokratisches Kinn, Polster an den Hüften, aber nicht an der Taille..."
„Legen Sie los", sagte ich.
Als ich aufwachte, war ich ein anderer Mensch. Etwas maskenhaft und starr, aber schön. Irgendwo in der Tiefe flatterte noch die Elfe, doch meine Haut war nun ein Panzer gegen die Welt.
„Wunderbar", sagte Renate.
Auf der Straße pfiffen mir die Männer nach. Einer folgte mir abends und vergewaltigte mich. Vor Gericht gab man ihm Recht, da ich meine Hüften aufreizend bewegt hatte. Ich schloß mich zu Hause ein. Die Elfe lief Sturm, doch sie kam nicht durch meinen Panzer.
In ein schwarzes Gewand gehüllt, das nur die Augen freiließ, fuhr ich zum Arzt.
„Entfernen Sie diesen Körper", sagte ich. „Ich bin perfekt, aber er ist es nicht. Schneiden Sie alles weg, was nicht unbedingt nötig ist."
„Sind Sie sicher?", fragte er.
„Ganz sicher."
Ich kann nicht sagen, daß ich aufwachte, als ich ins Bewußtsein zurückkehrte. Ich fühlte mich leicht. Schwerelos. Körperlos. Ich hatte keine Schmerzen. Ich folgte einem Sehreiz und stellte fest, daß ich ein Gehirn war, das in einer Nährlösung schwamm. In einem Glas. Auf einem Regal. Ein paar Nerven führten zu meinen Händen, die außerhalb des Glases lagen. Gleich daneben lag eine Tastatur. Ich bewegte die rechte Hand und tippte auf die Leertaste. Ein Bildschirm vor mir flackerte auf. Es gab eine Verbindung ins Internet.
Ich fing an zu tippen und ließ die Elfe hinaus. Sie schoß davon, tanzte durchs Netz, unsichtbar und frei.
Perfekt.

(c) Astrid Vollenbruch
31.03.2006