Peppino
Er hieß Peppino.
Eigentlich hieß er nicht Peppino, sondern Josef, und sein Familienname war einer von diesen nüchternen deutschen Familiennamen, die man im Personalausweis mit sich herumträgt und ansonsten ignoriert.
Aber als ich ihn traf, hieß er Peppino, und er hatte keinen Personalausweis.
Peppino ist ein Clown. Er trägt ein viel zu weites gelbschwarz gestreiftes Hemd und eine mit tausend bunten Flicken besetzte Hose, und jeder Flicken ist eine wunderbare Geschichte aus dem Land der Phantasie. Peppino hat eine lustige rote Nase und eine rote Perücke mit Glatze, und das breit geschminkte Lachen in seinem Gesicht verschwindet nicht einmal dann, wenn er weint.
Oder Peppino ist ein Bauernbub im Tessin, ein rotwangiger, barfüßiger kleiner Lümmel, dessen Großvater auf der Bank vor dem Haus sitzt und in die Sonne blinzelt und an seiner erloschenen schwarzen Pfeife zieht.
Peppino, der Clown; Peppino, das Kind aus den Bergen: vielleicht wählte Josef den Namen Peppino, um den heiteren Geist dieser beiden für sich einzufangen, denn das Leben, das er führte, konnte er als Josef nicht ertragen. Josef mit dem nüchternen Familiennamen mußte daran scheitern. Und selbst Peppino muß irgendwann aufgegeben haben.Ich traf Peppino am Bahnhof in Bonn. Er bat mich um eine Mark; er wollte sich eine Fahrkarte nach Köln kaufen. Nicht, um nach Köln zu fahren, sondern um sich über Nacht in der warmen Bahnhofshalle aufhalten zu dürfen, während draußen der Vorweihnachtsfrost in den Straßen hing.
Er war betrunken; er konnte kaum gerade gehen. An der Stirn hatte er eine verkrustete Platzwunde. Sein heller Mantel war voller Blut, und er stank nach Schnaps, Urin und Elend. In der vorigen Nacht, so erzählte er mir, mußte er wohl gefallen sein. Er konnte sich nicht daran erinnern, wie er zum Bahnhof gekommen war.Ich gab ihm eine Mark. Er bedankte sich und sagte, ich sei ein guter Mensch in einer Welt von schlechten Menschen. Ich wußte nicht recht, was ich antworten sollte, und eigentlich wollte ich gehen, aber er redete schon weiter. Ich hatte Zeit, niemand wartete auf mich, also blieb ich stehen.
Er sagte, daß er Peppino hieß.
Er lebte auf der Straße, seit er seine Wohnung verloren hatte; sieben Jahre war das her. Er übernachtete am Bahnhof und in den Eingängen der Kaufhäuser, die nachts warme Luft auf die Straße bliesen. Im Sommer war es schön, nachts draußen zu schlafen, aber im Winter erfror man sich die Hände. Er zeigte mir seine Hände: sie waren schwarz vor Dreck und Kälte, und mit steifen, ungeschickten Fingern zündete er die nächste Zigarette an.Peppino träumte von Israel, und als er mir davon erzählte, war er Josef und Peppino zugleich; da war er ein Mann mit einem Traum, an den er sich klammerte.
Er war schon einmal in Israel gewesen, erzählte er. Israel, das war das Land, in dem es Palmen und Sträucher gab, Sonne über der Wüste und freundliche Menschen; Israel, das heilige Land; Israel, das Land, in dem man leben konnte, wenn es sonst auf der Welt keinen Ort gab, an dem man noch willkommen war.Er würde wieder hinfahren, erzählte er: bald, sehr bald, wenn er seinen Personalausweis wiederbekam - und an dieser Stelle trat Peppino in den Hintergrund, und übrig blieb Josef, dem man übel mitgespielt hatte, dessen Frau, sagte er, ihn betrogen, ausgeraubt, verraten und verlassen hatte. Sie, sagte er, hatte dafür gesorgt, daß man ihm seinen Ausweis stahl und daß er seine Wohnung verlor. Sie, sagte er, war schuld daran, daß er trinken und nachts am Bahnhof um Geld für Fahrkarten betteln mußte, mit denen er niemals wirklich nach Köln fuhr, weil Köln - ebenso wie Bonn - kein Ort war, an dem man leben konnte, sondern höchstens eine weitere Durchgangsstation auf seiner Reise nach Israel.
Die Zigarette fiel ihm aus dem Mund, als er schwankte und sich hinsetzen mußte. Die Leute, die an uns vorbeigingen, und diejenigen, die auf ihren Zug warteten, die Blumenverkäufer, die Herren mit den Aktenkoffern und die Studentinnen am Fahrkartenautomaten beobachteten uns aus den Augenwinkeln; Peppino richtete sich auf, warf einen Blick um sich, hustete so laut, daß man es bis auf den Bahnsteig hören konnte, und spuckte blutigen Schleim auf den Bahnhofshallenboden.
Ich überredete einen Taxifahrer, Peppino und mich ins Krankenhaus zu fahren.
Dort waren sie mir nicht dankbar. Sie kannten ihn schon; er war oft im Krankenhaus gewesen, und sie hatten ihm nicht helfen können. Seine Leber war völlig zerstört, er hatte Gelbsucht, einen Milzschaden und einen kaputten Magen. Es ist Zeitverschwendung, sagten sie; und dasselbe sagte auch Peppino.Aber er blieb wenigstens über Nacht. Am nächsten Morgen, als ich ihn besuchte, gab er mir zwei Hände voller Markstücke und bat mich, ihm Obst zu kaufen; Schnaps hatte er noch. Ich kaufte Bananen, Trauben und Apfelsinen und brachte sie ihm. Er sagte, er werde zur Stadtverwaltung gehen und sich einen Berechtigungsschein für einen Schlafsack holen. Ich dachte an meine Wohnung und schlug ihm vor, ins Obdachlosenasyl zu gehen. Lieber wollte er im Hofgarten erfrieren, sagte er, als ins dieses Haus zu gehen, wo nachts betrunkene alte Männer lagen und schnarchten. Ich ging nach Hause.
Am andern Tag war Peppino weg. Sie hatten ihn nicht halten können und hatten es auch gar nicht erst versucht. Zeitverschwendung, sagte der Arzt. Die Schwester bezog das Bett neu.
Einmal noch, ein Jahr später, sah ich ihn: Er saß im Bonner Hofgarten auf einer Bank und redete auf eine gutgekleidete Frau ein. Er sprach von Israel, von seiner Frau, die ihn betrogen, ausgeraubt, verraten und verlassen hatte, und von seinem Personalausweis. Die Frau saß so weit wie möglich von ihm entfernt und schaute sich um, als ob sie Hilfe suchte. Schließlich stand sie auf und ging weg, und Peppino blieb allein zurück und sprach ins Leere.
Er hatte mich nicht bemerkt. Ich zog mich zurück und ging.
Danach sah ich ihn nicht mehr.
22. Februar 1994
(c) Astrid Vollenbruch